Bonitätswächter: Deutsche Wirtschaft lernt Ratingagenturen lieben <<WELT ONLINE

Die deutsche Industrie springt für die Ratingagenturen in die Bresche. Sie fürchtet hohe Kosten durch eine strengere Regulierung in der EU.

Kreditwürdigkeit
Foto: Infografik WELT ONLINE
Die Europa-Karte der Bonität

Die Kritik geht ins Detail, und zwar in nahezu jedes. Das macht sie umso unerbittlicher: Die deutsche Wirtschaft wirft sich für die gescholtenen Ratingagenturen in die Bresche. In einem vertraulichen Positionspapier wenden sich drei ihrer Interessenverbände gemeinsam gegen die geplante strenge Regulierung der Branche aus Brüssel. Sie könne „volkswirtschaftlich mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften“, heißt es in der Stellungnahme des Deutschen Aktieninstituts (DAI), des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und des Verbands deutscher Treasurer (VDT), die “Welt Online“ vorliegt. Auf elf DIN-A-4-Seiten nirgendwo ein Wort der Zustimmung.

Die deutschen Wirtschaftsverbände haben die Regulierungspläne von Binnenmarktkommissar Michel Barnier nie öffentlich kommentiert. Im November hatte er sie vorgestellt, derzeit läuft der Gesetzgebungsprozess mit Beratungen im Europäischen Rat und Parlament.

Barnier will das Oligopol der drei großen Ratingagenturen zerschlagen, ihre vermeintliche Macht über Europas Staaten brechen und Interessenkonflikte verhindern, die er im Geschäftsmodell von Standard&Poor’s, Fitch und Moody’s sieht: Sie lassen sich von Emittenten von Wertpapieren dafür bezahlen, deren Kreditwürdigkeit zu beurteilen. Dies gilt für Staaten weniger als für – große Unternehmen, die in dieser Sache durchaus Eigeninteresse haben. Sie sind auf die Bewertung ihrer Kreditwürdigkeit angewiesen, wenn sie Anleihen begeben und so Kapital aufnehmen.

Barnier bekam Applaus aus allen politischen Lagern. Die Wirtschaftsvertreter aber befinden: „Dem weiteren Drehen an der Regulierungsschraube fehlt jede Rechtfertigung“. Denn: Schon die Diagnose sei falsch, dass der Markt für Unternehmensratings der „aus Investoren- als auch Emittentensicht grundsätzlich gut funktioniert“, nicht ohne Eingriffe aus Brüssel auskomme.

Würden die Vorschläge umgesetzt, könnte dies sogar „die Funktions- und Wettbewerbsfähigkeitfähigkeit der europäischen Anleihemärkte insgesamt deutlich beeinträchtigen“. Das Papier datiert auf den 2. Februar und beinhalte, so sagte am Wochenende ein BDI-Sprecher, die „aktuelle Position, der nichts hinzuzufügen ist“.

Lobby in Unternehmensverbänden

Die Ratingagenturen haben eine Lobby in den Unternehmensverbänden. Das britische VDT-Pendant, die Vereinigung von Managern, die für ihre Unternehmen den Kontakt mit dem Kapitalmarkt halten, hatte sich schon vor Veröffentlichung der Pläne für sachteres Zupacken ausgesprochen.

Dass nun auch die deutsche Wirtschaft – mit BDI und DAI agieren die Spitzenverbände der Industrie und der börsennotierten Gesellschaften gemeinsam – sich für die Ratingagenturen einsetzt, macht ein Unwohlsein in der Realwirtschaft Sie fühlen sich zu unrecht gleich mit kritisiert: Das Rating von Unternehmensanleihen habe schließlich „nicht zur Finanzkrise beigetragen“, heißt es in der Stellungnahme. Die EU-Kommission aber mache keinen Unterschied zu Staatenratings. Sie „stellt pauschal Funktionsdefizite fest und formuliert auf dieser empirisch nicht validen Grundlage weitgehende und umfassende Regulierungsvorschläge“. Auch treffe das Argument der Oligopolbildung nicht, trotz des Marktanteils von geschätzt über 90 Prozent, den die drei großen Ratinganbieter zusammen halten. Die freie Wirtschaft hat eine Erklärung: die freie Wahl.

„Investoren sind mit den Bewertungen der Ratingagenturen weitgehend zufrieden“, schreiben ihre Vertreter. „Dementsprechend haben Markteintritte neuer Ratingagenturen die Marktanteile nicht wesentlich verschoben“, obwohl es sie durchaus gab. „Es ist bei dem natürlichen Oligopol geblieben.“

Skala
Foto: Infografik Welt Online
Die Noten der Ratingagenturen

Auch die Regulierungsmaßnahmen im Einzelnen halten die Unternehmensverbände für kritikwürdig, „insbesondere“ den geplanten zwangsweisen Wechsel der Ratinganbieter spätestens alle drei Jahre. „Der Emittent könnte nicht mehr dauerhaft auf am Markt etablierte Ratingagenturen zurückgreifen, was die Qualität der Ratingeinschätzung verschlechtern und damit die Finanzierungsmöglichkeiten entscheidend einschränken würde.“ Denn Anleger wollten, so die Argumentation, eine Einschätzung aus derselben Feder über die gesamte Laufzeit eines Wertpapiers.

Einen weiteren Effekt fürchten Unternehmen: Die EU-Kommission will Emittenten strukturierter Wertpapiere – einer tendenziell risikoreichen Kombination verschiedener Anlageformen – verpflichten, mehr Daten öffentlich zu machen. So sollen Informationen, die Unternehmen als vertraulich betrachten (Planzahlen beispielsweise) nicht nur der Agentur zugänglich sein, sondern auf einer Webseite der Aufsichtsbehörde ESMA landen.

„Der Emittent würde diese Informationen überhaupt nicht mehr preisgeben, so dass die Ratingeinschätzung ausschließlich auf ohnehin öffentlich zugänglichen Informationen basieren und damit gravierend an Qualität verlieren würde“, lautet die Vorhersage.

Insgesamt ist das Urteil vernichtend: „Kontraproduktiv“, von „substanziellen Nachteilen“ geprägt, „nicht stichhaltig“, „zu weitgehend und nicht angemessen“ – die Verbände fürchten Überregulierung. Buchstäblich auf ihre Kosten: „preistreibende Wirkung nicht ausgeschlossen“, heißt es in dem Papier, sollten Barniers Vorschläge durchgehen.

Dabei müssen sie damit rechnen, dass die Pläne nicht nur umgesetzt, sondern sogar verschärft werden. Die Herabstufung der Kreditwürdigkeit etlicher europäischer Staaten durch S&P vor vier Wochen hat den Agenturen schwerlich Sympathien bei den Betroffenen eingebracht.

Von Empfindlichkeiten in den Hauptstädten abgesehen: Im Europaparlament gibt es fraktionsübergreifend gewichtige Stimmen dafür, die Agenturen enger an die Kandare zu nehmen, als Barnier dies bei seinen Kollegen der Kommission durchsetzen konnte.

Verbinden Sie sich mit dem “Welt-Online”-Autor auf Twitter. Florian Eder berichtet als Korrespondent aus Brüssel.

via Bonitätswächter: Deutsche Wirtschaft lernt Ratingagenturen lieben – Nachrichten Wirtschaft – WELT ONLINE.

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